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Grubenfahrt RAG Bergwerk

Von Andrea Jürges

Am 25.10.2012 hat eine Gruppe von 12 Mitgliedern des BGVR eine Grubenfahrt auf der Zeche Prosper Haniel gemacht. Treffpunkt um 13:30 Uhr war das Pförtnerhaus von Prosper V (Schacht 10) in Kirchhellen. Nachdem die Gruppe vollzählig war, wurde dem Pförtner Bescheid gesagt und wenig später kam ein Bergmann auf uns zu, begrüßte uns und führte uns auf das Zechengelände. Es ging zunächst in einen Besprechungsraum, am Eingang zum Treppenhaus wurde unsere Gruppe bereits mit einem herzlichen "Glück Auf" per aufgestelltem Schild begrüßt. Im Besprechungsraum wurde uns nicht nur das Bergwerk und die RAG präsentiert, es gab auch Kaffee, Mineralwasser oder Saft.

Die sehr interessante Präsentation, zu der wir auch Fragen stellten und kompetente Antworten erhielten, dauerte etwa 30 Minuten. Danach gingen wir mit unserem Begleiter zur Besucherkaue. Ja ja, auf Prosper gibt es so viele Besucherschichten, das dafür sogar eine eigene Kaue eingerichtet ist. Der Kauenwärter erklärte uns, dass wir uns komplett umziehen müssten: Grubenhemd, Halstuch, Unterwäsche, Socken und Handschuhe lagen in jeder Kabine bereit, die passende Hose und Jacke bekamen wir von ihm ausgehändigt. Nachdem wir umgezogen waren, erhielten wir noch Schutzbrillen und schlurften auf Badelatschen ein paar Gänge und Treppen weiter, wo wir dann mit Sicherheitsschuhen, Schienbeinschonern und Helmen ausgestattet wurden. Danach ging es eine Treppe tiefer zur Lampenstube, wo wir von unseren - mittlerweile drei Begleitern - die breiten Gürtel mit den Filterselbstrettern und den Grubenlampen (alles zusammen etwa 2 kg schwer) bekamen und umschnallten. Es gibt sogar so kurze Gürtel, die für kleine Frauen passen - meine Frage nach einem weiteren Loch im Gürtel wurde mit einem kurzen Gurt (und allgemeinem Gelächter) erledigt. Schon zu diesem Zeitpunkt hatten wir alle viel Spaß an der ganzen Sache!

Jetzt ging es zum Schacht. Personenfahrten finden alle volle Stunde statt, wenn nicht gerade ein Materialtransport durchgeführt wird, wie in unserem Fall. Der Förderkorb war dann etwa um 15:10 Uhr für uns - und natürlich auch einfahrende Bergleute - zur Verfügung. Der Förderkorb ist wirklich noch ein solcher: Eisengitter, viel Metall, viel "Durchblick". Mit einer Geschwindigkeit von über 40 km/h (12m/sek.) geht es in die Tiefe. Es rumpelt und ruckelt, es zieht wie Hechtsuppe, es ist laut, es ist zu schnell für die Ohren - da hilft nur ständiges Gähnen, Kauen oder anderes um den Druck auszugleichen! Nach nicht einmal 2 Minuten ist man schon 1000 Meter tiefer - die 6. Sohle ist erreicht. Dort wird aktuell abgebaut, andere Sohlen darüber sind schon ausgeräumt und gesichert. Dazu werden Betondämme in den Streckenabzweigen bis zur Firste hochgezogen, es wird meistens auch noch mit einem Lüfter die alte Strecke bewettert, damit sich keine Gase bilden.

Vom Schacht geht es zum "Bahnhof" der Grubenbahn - hier unten fährt tatsächlich so etwas wie ein Personennahverkehr - man könnte auch ca. 5 km laufen, das dauert dann aber noch länger. Mit der Grubenbahn sind die 5 km Strecke zum Stollen in etwa 20 Minuten absolviert. Auch diese Fahrt ist wieder laut, rumpelt, ruckelt und macht eine Unterhaltung in der Bahn fast unmöglich. Auch "Rausgucken" ist nicht: entweder sind die Scheiben natürlich zugestaubt oder es gibt nur Lochgitter.

Am Zielbahnhof angekommen, montieren wir dann auch unsere Grubenlampen auf die Helme, ziehen unsere Handschuhe an und stapfen zu Fuß zum Streb. Wir laufen (der Bergmann sagt auch dazu fahren) bei einer Temperatur von ca. 25° C bergab und wissen jetzt schon, dass wir diesen Weg dann auch wieder zurück müssen - bergauf!

Aber es ist schon interessant, die vielen Rohre, Kabel, Maschinen unterwegs, der "Weg" ist größtenteils ganz gut zu gehen, da hier Metallgitter ausgelegt sind. Erstaunlich ist, dass oft große Bereiche der Sohle aufgebrochen sind und sich Gestein, Geröll und ähnliches ganz schön hoch aufgestaut hat. Wir erfahren, dass durch den Druck des Gebirges von oben der Ausbau entsprechend den Druck nach unten weitergibt und daher im Bodenbereich der Strecke die Sohle aus dem Liegenden nach oben gedrückt wird und dabei aufbricht. Unser Begleiter erklärt, dass man sogar teilweise von zwei Seiten mit Senkladern solche Strecken wieder senken muß.

Nach einiger Zeit erreichen wir einen Streb, der von der Strecke zu linken Seite ausgebaut ist. Dort wollen wir die "Walze" bei der Arbeit sehen (hier sind die Wetter wieder etwas kühler, es "zieht"). Mit dem Walzenschrämlader werden Flöze ab 2 Meter Mächtigkeit abgebaut. Unter 2 m Mächtigkeit wird der Hobel eingesetzt, den wir aber heute nicht zu sehen bekommen, weil er in einem anderen Bereich abbaut.

Wir drücken uns am Strebeingang zwischen den Stempeln durch, die dort aufgebaut werden um einen Ausbau mit Beton vorzubereiten. Wir steigen über die Füße der hydraulischen Schilde zu der Stelle, wo die Walze in Betrieb ist. In den Schilden selber, also an der "Decke" (dem Hangenden) sind Wasserdüsen angebracht, aus denen reichlich Wasser auf die ausgebrochene Kohle gesprüht wird, um die Staubbildung einzudämmen, wenn die Walze arbeitet. Mit großen Zähnen ausgestattete Flügel "beißen" sich bei jeder Umdrehung in das Flöz und reißen die Steinkohle aus dem Berg. Über eine Vorrichtung der Walze gelangt die Kohle auf einen Panzerförderer und wird aus dem Streb abtransportiert.

Der Bergmann im Streb mit einer Fernbedienung in der Hand lenkt den Kopf der Walze, so daß die Meißel an den Schilden vorbeilaufen können. Sobald die Walze arbeitet, wird es staubig und laut, werden große Brocken aus dem Flöz gerissen. Die Walze entfernt sich von unserem Standplatz zwischen den Schilden und nun kommt ein Bergmann und läßt die Schilde in Bewegung geraten. Sobald die Schilde im Streb ein paar Zentimeter weiter Richtung Flöz wandern, wird auch die Vorrichtung für die Walze entsprechend weiter bewegt. Auf diese Art gräbt sich der Abbau meterweise in den Berg (10 Meter pro Tag) und hinter den Schilden fällt das Gestein wieder zusammen.

Wir haben ein paar Stücke Steinkohle eingesteckt und machen uns auf den Rückweg. Jetzt müssen wir in der Strecke wieder bergauf gehen bzw. fahren - aber es gibt eine Fahrhilfe: neben dem Metallgitter ist in Handhöhe ein dickes Hanfseil, welches maschinenbetrieben unseren Weg nach oben unterstützt. Unser Begleiter weist darauf hin, dass die Transportrollen gefährlich für die Hände sein können, und dies nimmt unsere Gruppe zum Anlaß, hintereinander beim Hinaufgehen regelmäßig den Warnruf "Rolle" zu rufen - man fühlt sich irgendwie wie bei der Augsburger Puppenkiste: Kompanie Roll Roll... Aber immerhin ist die Stimmung entsprechend gut und lustig und keiner murrt.

Wieder am Grubenbahn-Bahnhof angekommen, setzen sich unsere Männer auf die dort stehende Bank und machen den Eindruck von Hühnern, sorry, Hähnchen auf der Stange. Es dauert eine ganze Weile, bis die Bahn kommt. Sie ist bereits von einigen Bergleuten besetzt und wir suchen uns freie Plätze für die Ausfahrt. Diese dauert wieder etwa 20 Minuten und ist auch wieder stellenweise mit viel Krach verbunden. Der Kumpel in unserem Abteil versucht trotzdem zu schlafen. Was soll man auch sonst machen, wenn man so lange untertage - oftmals alleine - unterwegs ist?

Offenbar ist Schichtende, denn am Schacht angekommen stehen viele Bergleute bereits in den Schlangen für die Ausfahrt mit dem Förderkorb. Mit der gleichen Geschwindigkeit wie runter, geht es jetzt die 1000 Meter wieder rauf - es kommt mir nur viel schneller vor! Sigurd erklärt mir, dass wir gegen die Wetter fahren und es daher so schnell erscheint. Eingefahren sind wir mit dem Wettereinzug in den Schacht. Das leuchtet ein, trotzdem ist der Druckausgleich nicht einfach zu regeln, ständig gähnen oder schlucken oder kauen! Und die Zugluft ist auch nicht ohne - ganz schön frisch! Unten auf der Sohle war es zwar sehr warm, aber das war angenehmer. Ich stelle mir vor, wie es ist, im Winter bei -20° C ein- und auszufahren - brrr, lieber nicht!

Um 18:05 Uhr sind wir wieder oben und holen unsere Fotoapparate für das obligatorische "Nachher"-Foto. Unsere Begleiter verlassen uns hier wieder, bis auf einen, der dann auch netterweise gleich ein Gruppenfoto von uns macht.

Als erstes werden wir in der Lampenstube wieder die breiten Gürtel mit den kiloschweren CO2-Rettern und Grubenlampen los. Dann geht es die Treppe hinauf und in dem bekannten Gang können wir die Schuhe ausziehen, wir lassen Helme und Schienbeinschoner in bereitgestellten Körben zurück und unsere Jacken und Halstücher kommen auf Hakenleisten an der Wand. Wieder in Badelatschen geht es zurück in den Kauenbereich, wir werden zuerst in einen Raum dirigiert, wo ein Tisch für uns gedeckt ist und wir ein Essen bekommen: Grünkohl mit Kartoffeln untereinander und Kassler. Es gibt auch Bier dazu, alkoholfreies, aber wir müssen ja auch noch nach Hause fahren. So schwarz wie wir sind, setzen wir uns um den Tisch und lassen es uns schmecken! Es dauert auch nicht lange, dann tritt eine sogenannte "gefräßige Stille" ein - die meisten sind doch ganz schön fertig nach dieser Tour. Die hat aber Spaß gemacht und war sehr interessant, lehrreich und genau das richtige für einen Ruhrpottler. Wenn wir schon auf Kohle geboren sind, wollen wir sie auch wenigstens einmal im Leben in echt sehen!

Wir bestätigen unserem Begleiter, dass die Tour super war und allen gefallen hat und laden ihn ein, wir wollen uns mit einer Besuchertour im Schlebuscher Erbstollen revanchieren. Jetzt wird es höchste Zeit für die fällige Dusche. Na ja, man versucht sein bestes, aber so wirklich weg geht der Kohlenstaub nicht. Nicht richtig. Das hartnäckige Zeug sitzt fest und läßt sich selbst nach dreimal einseifen nicht so einfach abwaschen! Da hilft nur Wannenbad mit Untertauchen zu Hause. Vorher aber bekommt der Kauenwart die Wäschenetze mit den schwarzen Klamotten für die Reinigung und einige von uns füttern die Kaffeekasse der Kaue. Gegen 19 Uhr sind wir dann endgültig ausgefahren, Schicht im Schacht. Unser Vereins-Vorsitzender hinterläßt noch einiges an Infomaterial für unseren Begleiter beim Pförtner und wir freuen uns auf ein Wiedersehen.

Die letzte Zeche wird 2018 schließen und danach gibt es in Deutschland nur noch Importkohle, vermutlich für teures Geld. Deutschland macht sich dadurch abhängig von kohlefördernden Ländern wie Südafrika oder Russland (nochmal! Gas gibt es schon von dort) sowohl für die Stromerzeugung als auch für das produzierende Gewerbe. Höhere Preise sind dabei natürlich schon vorprogrammiert, dank unserer Politik.

Übrigens betrug die Subvention des Bergbaus im Jahr 2009 nur 1% der Summe aller Subventionsgelder in Deutschland, andere Bereiche bekommen also viel mehr Geld "zugesteckt". Ist die Zeche zu und die Schächte verfüllt, ist das Bergwerk tot und kann nicht mehr aufgewältigt werden! Ein neues Bergwerk aufzubauen dauert - nicht nur wegen der Bürokratie - wenigstens 15 Jahre. Kohle ist genug vorhanden, die deutsche Bergbautechnik ist die beste der Welt, das Knowhow unserer Bergleute ist weltweit anerkannt und die deutsche Politik wirft das alles mit fadenscheinigen Argumenten einfach weg.

Ich bin davon überzeugt, dass irgendwann ein großes Gejammer in der deutschen Politik einsetzen wird, wenn die Importkohle nicht mehr bezahlbar ist und produzierendes Gewerbe sich aus Deutschland verabschieden wird. Nur ist es dann zu spät.

Glück Auf.