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Die Zeche Hermann Schacht 1/2 in Selm Beifang - 1906-1926

Von Sebastian Kleinwächter

Das kleine münsterländische Bauerndorf Selm hatte 1905 nur 1762 Einwohner. Es wurde dort hauptsächlich Pferde- und Rinderviehzucht betrieben. Anfang des 20. Jahrhunderts wurden durch die internationale Bohrgesellschaft zu Erkelenz in Selm und Umgebung Probebohrungen auf Kohle durchgeführt. Es wurden Flöze in einer Tiefe von 518 m bis zu 1440 m gefunden und eine Abbaumenge von 397 Millionen Tonnen errechnet (bei einer Teufe von 1200m).


Links hinter der Kaue ist eins der 5 Bullenklöster (Ledigheime) zu sehen. Der vordere Förderturm von Schacht 2 und dahinter Schacht 1. Schön zu erkennen sind die Schienen der Teckelbahn und ein dort eingesetztes Pferd.


Ergebnis darauf war dass am 15.3./11.4.1906 die Bergwerksgesellschaft Hermann mbH mit Sitz in Bork gegründet wurde. Die Berechtsame summierte sich auf 17 Maximalfelder, diese betrugen insgesamt 37,5 km². Um die damals moderne Doppelschachtanlage ortszugängig zu erschließen, wurde ab Herbst 1906 von der Landstraße Selm-Bork ein Transportgleisanschuss bis auf den Buddenberg zur Zeche hinauf angelegt. Am 13.12.1906 begann der erste Spatenstich zur Errichtung der Abteufgerüste Zeche Hermann Schacht 1 und 2.

Die Grundstücke (1340 Morgen) der zukünftigen Zechenanlage und späteren Zechensiedlungen gehörten damals zum Grundbesitz der Burg Botzlar (des Grafen von Landsberg-Velen zu Vehlen/Gemen) und wurden 1907 für 1.150.000 Mark von der Trierer Bergwerksgesellschaft Hermann mbH erworben. Vor den Probebohrungen hießen die Grubenfelder Botzlar 1, 2 & 3 und waren auf Schwefelkies gemuthet.


Links die größte der 3 Kokereien mit den Schienen der Koksausdrückmaschine. Ganz links die Kohlenwäsche mit Seperation und Bahnverladung.


Im Februar 1907 wurde mit der Abteufung von Schacht 1 und im Mai 1907 von Schacht 2 im Westfeld, 139 Beschäftigte begonnen. Von Juli 1907 bis zum September 1908 wurde von Bork aus über den heute noch erhaltenen Zechendamm (heutiger Straßenname Alte Zechenbahn) ein direkter Gleisanschluss an die Staatsbahn erstellt. Die meisten benötigten Waggons wurden auch durch die Staatsbahn gestellt. Die dazu gehörige Lokomotive wurde am 19.08.1908 von der Hohenzoller-Fabrik/ Düsseldorf-Grafenberg in Bork angeliefert. Sie fuhr dann zweimal am Tag den Borker Bahnhof von der Zeche aus an. Nach Bork hin vorwärts und zur Zeche zurück rückwärts. Im Bereich des heutigen Parkweg befand sich nich ein Abstellgleis. Der Bahnübergang über die heutige Kreisstraße war unbeschrankt, denn die Bahn hatte immer Vorfahrt. Trotzdem ereignete sich dort ein tödlicher Unfall, als der Besitzer der Brennerei und sein Chauffeur mit der Bahn kollidierte. Beide wurden bei dem Unfall getötet. Das war der erste tödliche Unfall mit einem KFZ in Selm


Links Büro und Verwaltung. Rechts die Grubenlüfter für Schacht 2.


Da der Buddenberg auf dem die Zeche Hermann errichtet wurde auch umfangreiche Lehmvorkommen hatte, errichtete die Zeche ab Oktober 1907 eine eigene Ziegelei mit einem Ringofen. Wenn man heute vor dem Zechentor steht, befand sie sich rechts vor dem Gelände. Hier wurden ab April 1908 täglich 20.000 Ziegel gebrannt, die für den kostengünstigeren Aufbau der Zeche und ihrer Wohnkolonien benötigt wurden. In Selm-Beifang wurden aus den Ziegeln, welche die Zeche Hermann brannte 518 Häuser erbaut. Hierfür wurden Schienen einer Schmalspurbauhn von der Ziegelei bis in die zu errichtenden Bergbausiedlungen gelegt. Diese Bahn wurde auch Teckelbahn genannt. Auf dem folgenden Foto, dass auf der Kreisstraße gemacht wurde, kann man links am Bildrand diese Schienen erkennen.


Kreisstraße mit Schienen der Teckelbahn


Im Dezember 1908 hatte Schacht 2 eine Teufe von ca. 786 m erreicht und somit auch das Steinkohlengebirge. Bis April 1909 war Schacht 2 bis 954 m abgeteuft und die erste Bausohle in Höhenlage eingebracht. Schacht 1 wurde 1925 bis zur endgültigen Teufe von 1078 m weitergeteuft. Die Zeche Hermann war zur damaligen Zeit die tiefste Zeche im Ruhrgebiet. Dadurch hatte der Betrieb aber auch starke Probleme mit Wassereinbrüchen und den hohen Temperaturen, die diese Tiefe mit sich bringt. Die Kumpel nannten die Zeche Hermann auch "Zeche Elend". Viele Bergleute verließen die Zeche Hermann freiwillig und wechselten zu anderen Zechen.

Schacht 1 wurde hauptsächlich als Förderschacht genutzt, da er direkt an der Kohlenwäsche angebaut war.
Zudem war Schacht 1 der einzige der beiden Schächte die bis auf die 3. (die tiefste) Tiefbausohle geteuft war. Schacht 2 diente hauptsächlich der Personenfahrt und der Bewetterung.
Von Sohle 2 wurde zwecks Bewetterung ein 100,14m tiefer Blindschacht auf Sohle 3 abgeteuft. Tiefbausohle 1 wurde in einer Teufe von 850m aufgefahren, Tiefbausohle 2 in einer Teufe von 950m und Tiefbausohle 3 bei 1050m Teufe.
Ausgebaute Füllörter findet man auf Rissen nur an Schacht 1 auf Sohle 2 und 3.
Die zentrale Dynamitkammer befand sich auf Sohle 2.


Hängebank an Schacht 2, dahinter Schacht 1


Erreichen konnte man damals einen so tiefen Bergwerksbetrieb nur durch die Nutzung moderner Technik. Dampfmaschinen wurden als Fördermaschinen und zur Wasserhaltung eingesetzt. Die damalige Wetterführung wurde stets verbessert und die Stahlseile als Förderseile hatten schon lange die Hanf- und Kettenseile ersetzt, welche diese Tiefen nicht erreichen hätten, können.
Ab 1909 wurde die erste Kohle für den Eigenbedarf gefördert. Anfang 1911 wurde eine Anlage zur Gewinnung von schwefelsaurem Ammoniak erstellt. Ende 1911 kamen noch 80 Koksöfen zur Verkokung der hochwertigen Fettkohle und eine Anlage zur Gewinnung der Nebenprodukte hinzu. 1914 hatte die hauseigene Kokerei 160 Koksöfen in Betrieb.
Da 1914 der 1. Weltkrieg zugange war und auch Bergarbeiter an die Front geschickt wurden, hat man auf Zeche Hermann auch Kriegsgefangene bei der Arbeit eingesetzt. Für die ca. 240 hauptsächlich aus Russen und Franzosen bestehenden Arbeitern wurde eine eigene Währung eingeführt. Diese Währung war nur auf Zeche Hermann bzw. im Gefangenenlager gültig und sollte so Fluchtversuche vermindern. Aber auch Jugendliche unter 16 und Frauen aus der Umgebung arbeiteten auf Hermann.

Die Zeche Hermann bestand aus 8 Gewerken die zu 99 Kuxe im Besitz der Hermann mbH und zu einem Kux in Besitz des A. Schaaffhausensche Bankverein war. Am 20.02.1913 wurde die Gerwerke vom Königlichen Notar Severin Schaefer in Köln urkundllich zu 2 Gewerken consolidiert. Sie erhielten die Namen Hermann IV und Hermann V bei gleich gebliebener Verteilung der Kuxe.

Es wurde eine Erweiterung des Bergwerkes geplant. In der Bauernschaft Netteberge sollten Schacht 3 und 4 abgeteuft werden. Dazu ist es aber durch den 1. WeltkriegKrieg nicht gekommen. Die Schachtanlage Hermann 3/4 sollte im Bereich der Kreutzung Werner Straße, Cappenberger Damm errichtet werden. Vorbereitungen hierfür wurden aber bereits getroffen denn heute erkennt man noch den Damm der Schmalspurbahn in Westerfelde. Über diesen sollte eine geplante Zechensiedlung im Bereich der 12 Apostelsiedlung mit Material versorgt werden. In diesem Bereich steht heute ein Denkmal mit einer Seilscheibe. Die Seilscheibe ist aber nicht von Zeche Hermann, sondern wurde aus Ahlen von Zeche Westfalen besorgt. Heute steht auf der Werner Straße noch das Traffohaus der Zeche (siehe Foto).



Traffohaus Werner Straße ca. 1920


Die Zeche Hermann hatte in ihrer Betriebszeit ca. 152 tote Kumpel durch Unfälle zu beklagen. In vielen Jahren war es sogar ein Mensch pro Monat, der tödlich verunglückte. Die Schachtanlage wurde oft bestreikt durch die Kumpel. Meistens mit geringem bzw. keinem Erfolg.

Im Jahre 1919 ging die Zeche zu 92 % Anteilen in den Besitz einer französischen Gruppe. Dann folgte 1920 die Abdämmung des Westfeldes wegen der hohen Wasserzuflüsse. Überraschenderweise wurde dieses Westfeld aber bereits 1922 wieder in Abbau genommen.

Die Zeche Hermann förderte dann in ihrem besten Jahr, 1925, 528.991 Tonnen. Im Jahr darauf jedoch nur noch 280.700 Tonnen - auch bedingt durch weniger Bergleute. Hinzu kamen noch große Absatzschwierigkeiten auf dem Kohlenmarkt.

Am 15.05.1926 beantragte die Zechenverwaltung die Stilllegung des Bergwerks. Zu diesem Zeitpunkt hätte die Zeche bei der derzeitigen Teufe noch 300 Millionen Tonnen Kohle abbauen können. Danach wurde schon mit dem Teilabriss der obertägigen Anlagen begonnen. Die meisten Selmer waren Arbeits- und Brotlos. Wenn man bedenkt, dass Selm bedingt durch den Hauptarbeitgeber der Zeche von 1762 auf ca. 12000 Einwohner heranwuchs, waren die Umstände sehr elendig. Die Kumpel, die es schafften, bekamen noch Arbeit auf den benachbarten Bergwerken Minister Achenbach und Ewald Fortsetzung. Seitens der Stadt wurde auch Hilfe vom Land beantragt doch dafür war Selm schon ein zu großes Ballungszentrum geworden. Offiziell wurde Selm von 1933 bis 1956 zur Notstandsgemeinde erklärt.

1927 wurden die Schächte abgedeckt und am 3. März 1928 wurden die Fördergerüste umgelegt. Rechts des Buddenberges entstand eine Notwohnkolonie, die sogenannten Nissenhütten. Die Lohnhalle, Markenstube und die Kaue wurden stehen gelassen und stehen heute noch. Dort wurde nach Zechenschließung eine siebenklassige evangelische Schule eingerichtet.

Nach dem 2. Weltkrieg wurden von den Alliierten, Gegenstände aus der Luftmunitionshauptanstalt Bork neben den Schächten verbrannt und in die Schächte geworfen. Einmal gab es im Feuer eine Explosion bei der 3 Menschen ums Leben kamen.

Eines der seltenen Bilder auf dem die Zechenhalde zu erkennen ist hat im 2. Weltkrieg ein britisches Aufklärungsflugzeug gemacht. Die wenigsten Selmer kennen die Zechenhalde, da sie als Verfüllmaterial zum Ausbau der Autobahn in Ascheberg komplett abgetragen wurde. Oben rechts im Bildrand das kleine Rechteck wird wahrscheinlich das alte Sprengmittellager gewesen sein.

Und dann taucht eine Zeche auf, die nie errichtet wurde und von der niemand etwas wusste in Selm/Bork. Zu meinem erstaunen ist in einem Archief ein total falsch abgeheftetes Dokument gefunden worden. Ein Antrag an das Bergamt vom 09.03.1953 zur Errichtung der Schachtanlage Bork in den Berechtsamen der Gewerkschaft Hermann IV im Felde Bork. Mit der Bitte die Zuständigkeit vom Bergamtsbezirk Hamm, dem Bergamtsbezirk Lünen zu übertragen. Als Anhang werden 2 Betriebspläne, 1 Anschreiben und 4 Zeichnungen aufgeführt. Warum die neue, geplante Zeche nie errichtet wurde weiß ich noch nicht! Eines steht aber fest! Das Thema Zeche Hermann ist noch nicht abgeschlossen!


Glück auf! Sebastian Kleinwächter




© by Luftbilddatenbank Dr. Carls GmbH



Heute haben sich noch mehrere Betriebsgebäude erhalten die vom Autor besichtigt und dokumentiert wurden. Die folgenden Bilder geben einen Eindruck wieder.


Kaue heute


Eingang Büro heute


Lohnhalle heute



Literatur:
Berechtsam Akten des Bergamtes Dortmund.
Rita Weißenberg: Uns wurde nichts geschenkt, Selm-Beifang 1906-1933
Joachim Huske, J.: Die Steinkohlezechen im Ruhrrevier, Daten und Fakten von den Anfängen bis 1986. Veröffentlichungen aus dem Deutschen Bergbau-Museum Bochum, Nr. 40. Bochum. 1987

Danksagung:
Historische Fotos mit freundlicher Genehmigung des Selmer Heimatvereines.
Aktuelle Fotos mit freundlicher Genehmigung von Herrn Wolfgang Hirsch, Fa. Interhydraulik.

Die tolle Zusammenarbeit und Hilfe des Bergamtes Dortmund.
Die Erlaubnis des Rechtsnachfolgers zur Akteneinsicht.
André Walter für die Bereitstellung des tollen Luftbildes.
Sigurt Lettau für das finden des falsch sortierten Dokumentes.
Das erste Foto habe ich als Original aus dem Nachlass von Heinz (Max) Strumberg erhalten (*25.06.1930 †10.06.2016) R.I.P.

Fotograf:
Sebastian Kleinwächter.